„Spiegel der Abwesenheit“

Der Syrer Faraj Bayrakdar saß vierzehn Jahre in Gefängnissen unter dem Assad-Regime. Inhaftiert wegen seines politischen Engagements und wegen seiner freien Meinungsäußerung. Seinen Körper konnten sie fesseln, seine Vorstellungskraft nicht. Sein Ausweg war es, im Gefängnis Gedichte in sein Gedächtnis zu schreiben. Sechseinhalb Jahre wartete er, bis er seine Familie wiedersehen durfte. Er ist ein Dichter, der seine Gedichte auf Zigarettenpapier mit Farbe aus extrahierten Teeblättern schreiben mußte und sie aus dem Gefängnis schmuggelte. Eingesperrt und isoliert. Doch all die Jahre in Gefangenschaft raubten ihm nicht seine Hoffnung auf die Freiheit.

Freie Übersetzung:
Ich beschloß, meine auf Zigarettenpapier geschriebenen Gedichte aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Ich steckte sie in ein kleines Stück Holz: Ich bohrte ein Loch in die Mitte und legte das Zigarettenpapier hinein. Dann zeichnete ich ein paar kleine Dinge darauf, einen kleinen Fluß, ein paar Bäume, ein paar Vögel, sowas in der Art, und gab sie meiner Tochter als Geschenk. Doch später flüsterte ich ihr zu: „Zerbrich alle Holzstifte und behalte das Papier“. Sie sagte: „Aber Papa, da sind doch sehr, sehr schöne Zeichnungen drauf.“ „Nein - die Papiere sind das Wichtigste.“
Michael Krüger und Faraj Bayrakdar

Gefoltert. Gequält. Gedemütigt. 2000 ist Faraj Bayrakdar dank einer Amnestie freigekommen. Insbesondere setzte sich der internationale Autorenverband PEN für ihn ein. Seit 2005 ist er schwedischer Staatsbürger und ruft in seiner neuen Heimat und auf seinen zahlreichen Lesereisen zur Völkerverständigung, zu gemeinsamem Handeln und gegen Rassismus auf.

Freie Übersetzung:
Oft dachte ich, „okay, vielleicht ist mein Leben bald zu Ende“. Aber nachts wiederholte ich immer und immer wieder Ereignisse, die sich mir eingeprägt hatten und ich sagte zu mir: „Nein, du mußt dem Leben vertrauen, du mußt Vertrauen in die Freiheit haben, sie muß eines Tages kommen.“ Ich versuchte, mich selbst zu ermutigen und stärker zu sein, jedes Mal ein bißchen mehr. Und manchmal ging es gut, manchmal weniger, aber ich konnte überleben. Ich konnte es schaffen, und die Freiheit als Sehnsuchtstraum beschäftigte mich die ganze Zeit. Ich vertraute auf die Zukunft, wenn ich sie erleben würde, würde ich meine Freiheit finden.
Anna Christensson und Ivonne Fuchs

Faraj Bayrakdars Gedichte wurden in verschiedenen Sprachen veröffentlicht, woraufhin der schwedische Komponist Svante Henryson, nicht zuletzt durch die aktuellen politischen Ereignisse der letzten Jahre und sein Engagement in der schwedischen Flüchtlingshilfe, auf diese erschütternden Werke aufmerksam geworden ist. Svante Henryson ist einer der vielseitigsten Musiker Schwedens, der immer wieder die Grenzen zwischen Klassik, Jazz, Blues und Rock elegant überschreitet und miteinander verbindet. Er komponierte einen Liedzyklus, basierend auf 24 Gefängnisgedichten des Lyrikbandes „Spiegel der Abwesenheit“

Ivonne Fuchs

Flucht, Heimatlosigkeit, das Umherirren des Wanderers und die Sehnsucht nach Frieden sind die Themen großer Liedzyklen der Musikliteratur. Der Abend am 12. Juni 2018 in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste hat diese Gedanken mit einem aktuellen Bezug verbunden: Die deutsch-schwedische Mezzosopranistin Ivonne Fuchs, Schülerin der legendären Christa Ludwig, hat sich gemeinsam mit ihrer Pianistin Anna Christensson und dem musikalischen Grenzgänger Svante Henryson auf die Suche begeben, Texte von syrischen Geflüchteten zu finden und zu vertonen. Schließlich stieß der Komponist in einer Stockholmer Bibliothek auf das Buch „Brev från Isoleringscell 13” – Gedichte von Faraj Bayrakdar. Diesem Buch entnahm er den in sich geschlossenen Gedichtzyklus „Frånvarons Speglar” (Spiegel der Abwesenheit). Nach der Premiere der schwedischen Originalfassung fand die Uraufführung der deutschen Fassung in der Akademie statt, für Ivonne Fuchs ein besonderes Ereignis, da sie die emotionale Tiefe der Gedichte in ihrer Muttersprache vermitteln konnte.

Lebenspuls

Anlaß dieser Uraufführung der deutschen Fassung war der Startschuß von „Lebenspuls“. Das ist eine von Sabine und Wilhelm Warning ins Leben gerufene Initiative. Seit mehr als zweieinhalb Jahren kümmern sie sich konkret und fürsorglich um eine kleine Gruppe geflüchteter Menschen aus Syrien – gelebte Integration. Neben einem Spendenaufruf, um dessen Organisation sich dankenswerterweise die Stiftung „Logos & Ethos“ kümmert, liegt dem Ehepaar Warning besonders anpackende Hilfe für geflüchtete Menschen am Herzen, die aus einem Krieg und einem zerstörten Land zu uns kommen und Sicherheit suchen.

Sabine Warning

Es werden hilfsbereite Menschen gesucht, die andere unterstützen möchten. Die den Menschen helfen, die aus ihrem Leben herausgerissen wurden, damit sie sich nun eine neue Existenz aufbauen können und damit die Angst vor der „Fremde“ schwindet. Diesen Glauben an die Gemeinschaft und die Menschen hat auch Faraj Bayrakdar nach seiner Haft in Syrien nie verloren.

Sabine und Wilhelm Warning

Sie können sich beteiligen, selbst ein Impuls im „Lebenspuls“ zu sein. Nicht nur mit einer Spende. Lebenspuls will Brücken bauen und ein gleichberechtigtes Miteinander schaffen.

Konkrete Vorschläge finden Sie im Kontaktformular (Link zum Download siehe unten). Sie können Teil einer integrativen Zukunft sein. Gesucht sind neben Praktika, Jobs und Vermittlungen zu Studienstipendien auch ganz einfache gesellschaftliche Kontakte. Und oft ist es nur ein Moment im Jetzt, der den Menschen zeigt: Wir sind eins.

Kontaktformular Herunterladen

Bitte schicken Sie das ausgefüllte PDF-Formular oder Ihre weiteren Vorschläge mit dem Betreff „Lebenspuls“ an die Akademieadresse info@badsk.de.

Spendenkonto „Logos & Ethos“
(Jede Spende ist willkommen und steuerlich absetzbar)

Verwendungszweck/Stichwort: Spende Lebenspuls
Stiftung Logos und Ethos
Liga-Bank München
Konto-Nr. 234 5994
BLZ 750 903 00

IBAN: DE85 7509 0300 0002 3459 94
BIC-Code (Swift): GENODEF1M05

Beitrag von BR-Klassik:
Die Tagebücher eines geflüchteten syrischen Dichters als Liederzyklus

BR-Klassik

„Das Leben ist stärker als Folter“, Barbara Nazarewska,
mit freundlicher Genehmigung des Münchner Merkur, 5.6.2018:

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