Der Bialas-Förderpreis für junge Komponistinnen und Komponisten wurde zum letzten Mal vergeben. Der finale Preisträger ist der Pianist und Komponist Johannes Obermeier. Im Preisträgerkonzert in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste wurden zwei Werke von ihm uraufgeführt.
Im Leben eines Komponisten gehen viereinhalb Jahre schnell vorbei, zumal, wenn man, wie der 1998 in München geborene Johannes Obermeier, in dieser Zeitspanne seine Lehrjahre beendet hat. 2022 erwarb Obermeier, seit 2019 auch Student der Fächer Klavier und Komposition an der Hochschule für Musik und Theater München, einen Master of Science in Betriebswirtschaftslehre – und bekam als Pianist einen nachgerade sensationellen 3. Preis beim Internationalen ARD-Wettbewerb zugesprochen. Oben drauf kam im selben Jahr noch der Bialas-Förderpreis und ein damit verbundener Kompositionsauftrag der BAdSK; dieser wurde auch erfüllt, doch die Uraufführung verzögerte sich Corona-bedingt.
Angesichts eines solchen beeindruckenden Pensums eines einzigen Jahres ist es vielleicht weniger verwunderlich, wenn Obermeier sich heute nicht mehr an alle Entscheidungen erinnert, die er 2022 zu treffen hatte, als er seine vier Lieder für Sopran und Klavier verfasste. In diesem Zusammenhang spricht Peter Michael Hamel anlässlich des nun nachgeholten Uraufführungskonzerts im Gespräch mit dem Komponisten die Auswahl der vertonten Gedichte an. Mit dem Urromantiker Friedrich Schlegel, den Modernen Else Lasker-Schüler bzw. Franz Werfel und der bedeutenden zeitgenössischen Lyrikerin Dagmar Nick, die soeben ihren 100. Geburtstag feiern konnte, sind in Obermeiers nicht näher betiteltem Werk Autorinnen und Autoren versammelt, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben. Dieser urheberschaftlichen Buntheit wirkt allerdings das verhältnismäßig homogene musikalische Idiom Johannes Obermeiers entgegen, in dem sich kaum eines der Ausdruckselemente wiederfindet, die man typischerweise mit „Neuer Musik“ verbindet.
Nun kann man mit dem Verständigungsbegriff „Materialbehandlung“ in allgemeiner Perspektive durchaus kritisch konstatieren, dass das zeitgenössische Komponieren in vielen seiner Formen selbst dazu neigt, zu einem Stil zu gerinnen. Darauf, dass sich der junge Johannes Obermeier – wohlgemerkt vor über vier Jahren – erstaunlich unbeeinflusst von den Entwicklungen, sagen wir, seit 1945 gab, weist im Komponistengespräch aber auch der erfahrene Komponist und Pädagoge Peter Michael Hamel, als ehemaliger Direktor der Musikabteilung der BAdSK Vor-Vorgänger der amtierenden Direktorin Salome Kammer, hin. Zusammen mit anderen Kollegen agierte Hamel als eine Art Mentor Obermeiers; es spricht für den informativen Gehalt dieser akademischen Gespräche, wie offen auf ein so auffälliges Phänomen reflektiert werden kann. Obermeier erzählt denn auch auf diese Nachfragen von seiner damaligen „Lisztomanie“, die den spätromantischen und als solchen bemerkenswert ungebrochenen Tonfall der Lieder von 2022 zumindest teilweise erklärt.
Die Stilmerkmale des 19. und früheren 20. Jahrhunderts, benennbar als mittlerer resp. später Franz Liszt mit gelegentlichen Rachmaninow-Allusionen und einer Prise Cool Jazz, werden von Obermeier in den Liedern und auch in dem 2020, also im Alter von 22 Jahren, geschriebenen „Thema mit Variationen über A – S – C – H“, weder übersetzt noch mit deutlich vernehmbaren Distanzierungssignalen versehen. Das ist per se nicht notwendig zu kritisieren. Ein gewisses Irritationspotential bleibt aber bestehen. Obermeier verstärkt dieses als sein eigener Interpret und brillanter Klaviervirtuose noch, indem er das Unzeitgemäße entsprechend identifikatorisch, expressiv, mit vornehm rundem Ton und pianistischer Grandezza vorträgt. In den um zwei Jahre jüngeren Liedern ergibt sich dabei ein reizvoller Kontrast zum zierlichen, leicht und schnell vibrierenden, doch substanzvollen und klar konturierten Sopran von Johanna Schumertl. Zu den stärksten Momenten gehört, wenn sie mühelos in höchste Lulu-Höhen aufsteigt und im zugegebenen, 2026 komponierten Lied „Vita“, wieder auf einen Text von Dagmar Nick, wirkungsvolle Koloraturen und Triller zu singen bekommt.
Die musiksprachliche Traditionsbereitschaft Obermeiers tritt im direkten Vergleich mit der von ihm selbst getroffenen Auswahl kurzer und kürzester Stücke und aphoristischer Lieder von György Kurtág (seit diesem Februar ebenfalls ein Zentenar) umso schärfer zutage. Vermittelbarer scheinen die musiksprachlichen Kontraste in den „Vier gelben Balladen“, die Günter Bialas 1954 nach Gedichten von Federico Garcia Lorca komponierte. Insofern erweist sich Johannes Obermeier als geeigneter aktueller, bedauerlicherweise auch letzter Empfänger des Bialas-Förderpreises. Wie Peter Michael Hamel, selbst Schüler und enger Freund des 1995 verstorbenen Komponisten und Mitglieds der BAdSK, und der Komponist und Dirigent Johannes X. Schachtner als Beiratsmitglied der GEMA-Stiftung berichten, führen die in den letzten Jahren immer mehr begrenzten Aufführungsmöglichkeiten und damit sinkenden Tantiemen zu einer Neugestaltung der Aktivitäten der Stiftung im Zusammenhang mit dem Bialas-Nachlass, dessen Mittel unter anderem auch zur Pflege der Website eingesetzt werden (www.guenter-bialas.de). Johannes Obermeier hingegen wurde letztes Jahr als Professor für Klavier und Kammermusik an die Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik in Feldkirch/Österreich berufen. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich sein Komponieren nun im Spannungsfeld von Traditionsbereitschaft und Offenheit für Zeitgenössisches weiter entwickeln kann.
Prof. Dr. Michael Bastian Weiß