Der Choreograf Hans van Manen war ein Monument des Tanzes im 20. und 21. Jahrhundert. Und obwohl er auf der ganzen Welt arbeitete und überall gefragt war, war seine Beziehung zu München eine ganz besondere. Hier gastierte er seit 1970 regelmäßig mit seiner Compagnie, dem Nederlands Dans Theater, an der Bayerischen Staatsoper, hier wurden vom Staatsballett seine Choreografien einstudiert, es gab mehrere deutsche Erstaufführungen seiner Ballette und sogar eine Neukreation mit Tänzern des Staatsballetts. 2005 widmeten ihm die Münchner Tänzerinnen und Tänzer eine seltene Hommage, indem sie einen ganzen Abend mit seinen Kreationen aufführten, das »Portrait Hans van Manen«.
Dass der niederländische Weltbürger somit auch zum Münchner geworden war, bewog Dieter Dorn vermutlich, ihn 2007 zur Aufnahme in die Abteilung Darstellende Kunst unserer Akademie vorzuschlagen. Er bat mich um Hilfe bei der Formulierung des Vorschlags an die Mitglieder, ein Auftrag, der mich zugegebenermaßen nicht gerade elektrisierte. Ballett stand damals nicht im Mittelpunkt des Interesses eines jungen Residenztheater-Dramaturgen, also entledigte ich mich meiner Aufgabe nach der Lektüre einiger journalistischer Lobeshymnen auf den Meister mit höflicher Distanz und ließ mir ansonsten die Flasche guten Rotweins schmecken, die Dorn als Anerkennung für meine Dienste springen ließ. Meine Neugier allerdings war geweckt. Einige Zeit später besuchte ich im Nationaltheater einen Abend mit drei sehr unterschiedlichen Choreografien, eine davon – so viel weiß ich noch davon – von Martin Schläpfer, eine von Hans van Manen. Dass sich der eine Generation jüngere Schläpfer immer eng auf van Manen bezogen hatte, wusste ich nicht und konnte es mit meinem geringen Sachverstand auch nicht erkennen. Ich sah nur, dass hier zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Tanzsprachen zu mir redeten: Schläpfers Choreografie war eine Ex- und Implosion von Energie, während die von van Manen etwa so aussah, wie ich mir Ballett immer vorgestellt hatte, Tutus, Spitzenschuhe und zwei Menschen auf der Bühne, die auf virtuoseste Art einen feinst gemeißelten Pas de deux tanzten. Was mich damals mehr anzog, muss ich nicht weiter ausführen.
Das war so ungerecht, wie man eben ist, wenn man jung ist und keine Ahnung hat. Dennoch erinnere ich mich daran, dass mir die Genauigkeit, Virtuosität und sogar die Künstlichkeit von van Manens Œuvre Eindruck machte. Hier hatte ich es offenbar mit einem Künstler zu tun, der nicht daran dachte, sich irgendeiner Mode zu unterwerfen, nicht nach Aktualität schielte und kein Statement in welche Richtung auch immer abgeben wollte. Einer, der, wie es Peter Handke später formulierte, auf seine Weise »von Tolstoi, von Homer, von Cervantes« kam. Einer, der von sich sagte, dass das Ballett »sein Metier« sei, womit er meinte: Und nichts anderes. Van Manen selbst kam in erster Linie von George Balanchine. Er war zugleich ein Bewahrer und ein Neuerer des klassischen europäischen Balletts. Kein Bilderstürmer, aber einer, der in seinen rund 150 Kreationen beharrlich daran arbeitete, Beziehungen zwischen Menschen offenzulegen, sie in Bewegung zu bringen, auch dadurch, dass Tänzerinnen in seinen Choreografien eine mindestens gleichberechtigte Rolle einnahmen. Verspielt war das nicht, aber für van Manen war der Tanz eine zu ernste Sache, um etwas zu verspielen. Klarheit ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit van Manens Kunst immer wieder fällt. Streng ausgeführt waren seine Choreografien, aber nicht immer war Strenge ihr Leitgedanke. Auch die so wichtige und in der Tanzwelt nicht allzu häufige Gabe des Humors brachte van Manen mit. Er choreografierte zu klassischer Musik ebenso wie zu Klängen von Laurie Anderson und Nina Hagen, auch wenn die Klassik ihm wohl näher war. Schon 1979 brachte er eine Live-Kamera mit auf die Bühne, ein Mittel, das uns heute schon wieder abgedroschen erscheint, aber damals war es eine Sensation. Dieser Klassiker zu Lebzeiten dachte nicht daran, zu versteinern und sich musealisieren zu lassen.
So war die enorme Popularisierung des Balletts in den letzten Jahren, befördert durch wirkmächtige Hollywood-Produktionen, aber auch durch coole Tänzerinnen und Tänzer, Choreografinnen und Choreografen auf der Höhe unserer Zeit, vielleicht auch eine Folge der hartnäckigen und kleinteiligen Arbeit, die Hans van Manen über viele Jahrzehnte geleistet hat. Sicher ist, dass ihn viele tänzerische Entwicklungen der Gegenwart gefreut haben, sonst wäre er nicht noch im hohen Alter in der Tanzwelt präsent geblieben. Auch wenn seine Signaturstücke nicht mehr zum täglich Brot der deutschen Theater gehören, bleibt er geehrt, geschätzt und unvergessen. Die Welt des Tanzes, die er nun mit 93 Jahren nach einem weiten Weg von einer ärmlichen Kindheit in Amsterdam hin auf den Olymp des Balletts verlassen hat, ist von seiner Kunst tief geprägt.
Georg Holzer