Nun ist er seinem Freund Alfred Brendel, mit dem zusammen er noch vor wenigen Jahren Gespräche über Schubert und Beethoven veröffentlicht hat, nachgefolgt: mein Freund, unser Freund und Mitglied unserer Akademie, Peter Gülke.
Wohl wissend um seinen in den letzten Jahren immer prekärer werdenden Gesundheitszustand bereitete das Aufschlagen der Zeitung mit seinem Foto und einem Nachruf nicht geringen Schrecken. Noch eine Woche zuvor hatten wir ausführlich miteinander telefoniert, und nichts deutete auf ein baldiges Ende hin, und er war auch jetzt kein alter Mann. Seine Stimme am Telefon war nicht mehr die, wie ich sie über Jahrzehnte gewöhnt war, aber dennoch muss er von Natur aus ein robustes Grundgerüst gehabt haben, sonst hätte er all die schweren gesundheitlichen Plagen über viele Jahre hinweg nicht so durchgestanden, wie er es getan hat, und das mit welcher Haltung!
Als Dirigent hätte ihm, man darf es so offen aussprechen, eine weit größere Karriere zugestanden, als die, die er, deutlich behindert durch sein Werden in dem anderen deutschen Staat, gemacht hat. Der gewissen DDR-Kolorierung, die seit einiger Zeit vor allem literarisch ziemliche Resonanz hat, würde ein Blick auf die künstlerische und private Biographie eines Peter Gülke ein deutliches Korrektiv entgegensetzen.
Er, der unmittelbar vor seinem 92. Geburtstag in Weimar gestorben ist, war auch ein gebürtiger Weimarer. Nach dem Studium, das die Beschäftigung mit dem Cello umfasste, aber auch Musikwissenschaft, Romanistik und Germanistik (seine enorme Belesenheit auch in literarischen Dingen hatte hier ihre Wurzeln), ging er nach der Promotion in den verschiedensten Funktionen des musikalischen Theaters zunächst nach Rudolstadt, dann nach Stendal und Potsdam, sowie nach Stralsund. Fünf Jahre lang war er Kapellmeister an der Dresdner Staatsoper, dann Generalmusikdirektor der Staatskapelle Weimar, damit auch des Deutschen Nationaltheaters Weimar.
Wenn Gott nach einem Paul Claudel zugeschriebenen Satz auch auf krummen Linien gerade schreibt, dann wäre das Leben von Peter Gülke dafür eine passende Illustration. 1983 wurde ihm nach vielen Mühen ein Gastspiel im „feindlichen Ausland“, in Hamburg zugestanden. Natürlich durfte er dazu weder seine Frau noch seine Tochter mitnehmen. Dennoch kehrte er nicht in die DDR zurück, ohne abschätzen zu können, wann und ob überhaupt seine Familie nachkommen konnte. Dies gelang dann doch nach quälend langer Zeit. Was das für ihn und die Seinen bedeutete, kann wohl wirklich nur nachvollziehen, wer Ähnliches erlebt hat.
Da er bereits damals ein eindrucksvolles musikschriftstellerisches Werk vorlegen konnte, gelang es ihm ein Jahr später, sich mit der Unterstützung von Carl Dahlhaus an der Technischen Universität Berlin zu habilitieren. Temporäre Professuren übernahm er in Freiburg und Basel.
Als Dirigent wirkte er zehn Jahre lang als Generalmusikdirektor des Theaters Wuppertal. Bis vor kurzem war er dann sozusagen abschließend Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker.
So enorm erfolgreich er als Autor brillanter Bücher über Musik geworden ist, so merkte man doch gelegentlich, dass er das Dirigieren als sein eigentliches Herzensanliegen empfand. Es ging ihm sicherlich nicht darum zu sagen: mir hätten größere Opernhäuser, größere Orchester zugestanden, dazu waren Nüchternheit und Bescheidenheit, was das Wissen um seinen Rang nicht ausschloss, bei ihm zu stark ausgeprägt; er hat weder Wuppertal noch Brandenburg als Wirkungsstätten für unter seiner Würde gehalten, sondern hat alle Aufgaben mit der gleichen Intensität und Begeisterung übernommen, aber er hätte sicherlich gerne mehr Gelegenheiten gehabt, seinen eigentlichen Beruf ausüben zu können.
Grund zur Klage, zu wenig beachtet worden zu sein, hatte er auf der anderen Seite wahrlich nicht. Die Ehrungen prasselten nur so auf ihn ein: der Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, wie auch die Mitgliedschaft in dieser Akademie, der Karl-Vossler-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (auch hier wurde er Mitglied), mehrere Ehrendoktorate, der Bayerische Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst, das Bundesverdienstkreuz und schließlich als Höhepunkt der Ernst von Siemens Musikpreis und die Aufnahme in den Orden Pour le Mérite.
Mit eindrucksvoller Energie hat er sich seinen Ruf als Schreibender über Musik erarbeitet. Seine Bücher sind nicht nur zahl-reich, sondern auch gedanken-, wort- (im besten Sinne) und stil-reich. Seit Robert Schumann, den er besonders liebte, hat es nicht viele Musikschriftsteller dieses Ranges in der deutschen Sprache gegeben.
Seine Bücher über Schubert und Schumann waren Meilensteine und werden dies auch bleiben. Er konnte über Wolfgang Rihm genauso fundiert schreiben wie über Mozart und Beethoven, über die Musik des 15. Jahrhunderts in Gestalt von Guillaume Du Fay, über die Musik der Minnesänger wie über die großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts (seine Texte über Wilhelm Furtwängler sind Musterbeispiele präziser und ausgewogener Durchleuchtung). Peter Gülkes geistigen Horizont konnte man kaum überschätzen. Seine literarische Bildung war immens, aber auch die bildende Kunst überblickte er souverän. Noch vor wenigen Wochen traf sein letztes Buch ein: „Menschen. Zeiten. Musik“, mit wunderbaren Miniaturen und Aphorismen, so mit der lebhaften Schilderung des Besuches von Thomas Mann 1955 in Weimar, den er miterlebte, und mit tiefgreifenden Nachrufen auf Freunde wie Dietrich Fischer-Dieskau, auf Albert Reimann, auf Wolfgang Rihm, auf Alfred Brendel.
Zu seinen persönlichsten Büchern gehört sein Porträt seiner Heimatstadt Weimar (er war ein Nachkomme der Familie Vulpius, der Goethes Frau entstammte). Noch darüber hinaus reichte „Musik und Abschied“, genährt von der Trauer um den Tod seiner Frau. Da heißt es, eben in Bezug auf diesen Tod, am Schluss: „Gegen den Gedankenstrudel blieb nur der Versuch, den Krater des nicht Begreifbaren mit Musikbeschreibungen zu umranden, mithilfe von Musik – selbstgemachter, angehörter, vorgestellter – hineinzuleuchten, Durchblicke zu erhaschen auf Abschied, Sterblichkeit, Vergänglichkeit, auf jenen allgemeineren Tod, den alle sterben. In ihm mag irgendwann der aufgehen, der jetzt als einziger zählt.“
Jens Malte Fischer