Im Panorama der deutschen Malerei und Zeichenkunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat Rudi Tröger in seiner Generation als einer der bemerkenswertesten Einzelgänger zu gelten.
Über Jahrzehnte war er als hochgeschätzter Professor an der Münchner Akademie der Bildenden Künste tätig, wo er eine Vielzahl unterschiedlichster Talente fördern konnte. Selbst gänzlich undogmatisch, ließ er auch seinen Schülern die nötige Freiheit zur eigenen Entfaltung.
Es waren die Sujets von Landschaft, Bildnis und Stillleben, welche er sich seit Beginn der Sechzigerjahre zur Aufgabe gemacht hatte, klassische Themen, die seine Arbeit durchgehend bestimmt haben. Trögers Lehrer an der Münchner Akademie waren angesehene Exponenten einer letztlich noch vom Impressionismus und von Cézanne beeinflussten Künstlergeneration. Neben frühen Eindrücken durch Maler wie Lovis Corinth und Oskar Kokoschka offenbarte sich bald Trögers Affinität zur verfeinerten Malkultur der Franzosen, vielleicht am ausgeprägtesten zur Kunst Pierre Bonnards.
Gleichsam wie ein Gegenpol zu den klassischen Bildgegenständen offenbarte Trögers Verfahrensweise, die in der Regel einen langwierigen schöpferischen Prozess umfasste, Züge der Fragilität, der Unruhe und des Zweifels, welche die Kategorien des Scheiterns stets miteinschlossen. Hierin gründete die unbedingte Zeitgenossenschaft dieses Künstlers, das Signum von „Gegenwart-Sein“ im späteren 20. und frühen 21. Jahrhundert, das im nur oberflächlichen Blick auf seine Bilder in ihrer vermeintlichen Entrücktheit und Außenseiterstellung allzu leicht verkannt zu werden droht. Letztlich ist es diese Ambivalenz des Klassisch-Retrospektiven im Repertoire der Sujets und jenem ganz in der Gegenwart verankerten Malprozess, worin die permanente Spannung der Kunst Rudi Trögers wurzelte. Sie nährte sich aus den Vorgaben der Natur, bildete diese aber nicht ab, sondern verwandelte sie über die Konstruktion des Bildraums, der die Dinge zur Erscheinung brachte. Nicht an deren Gegenständlichkeit war der Maler interessiert, sondern einzig an jenen Metamorphosen vom „Seherlebnis“ in die „Bildidee“, die sich im Malvorgang und über die Malmittel ereigneten.
Anlässlich seiner ersten Einzelausstellung im Kunstraum München 1977 äußerte Tröger, dass es sein Anliegen sei, die „Summe eines Seh-Erlebnisses“ sichtbar zu machen. Schon in den Gemälden der frühen Sechzigerjahre erschienen seine Bildräume vielschichtig-schwingend angelegt. Sie prägte oftmals eine gleichsam zeichnerische Agilität und Empfindsamkeit, ein skripturaler Duktus, ohne dass die Grenze zum Gegenstandslosen im Sinne des im Strom der Zeit liegenden „Informel“ je überschritten worden wäre.
In seinem Spätwerk schuf der Maler Bilder höchster künstlerischer Verdichtung. Seine in den letzten Jahren entstandenen Stillleben und Blumenbilder, Abgesänge von überwiegend dunkel-elegischem Klang, konnten nur im Herbst eines erfüllten Malerlebens gelingen. Dem Flieder, den Pfingstrosen und Hortensien, selbst den gewöhnlich leuchtenden Sonnenblumen steht ihr baldiges Vergehen bevor. Sie erscheinen nicht mehr frisch, aber auch noch nicht gänzlich welk. Aus dieser Doppelbödigkeit entstand eine wundervolle Malerei, welche die Zeit im Schwebezustand zu halten schien. Wir gewahren die vollkommene Versenkung in den Gegenstand, ein empfindendes Sich-Hingeben, welches „Subjekt-Objekt“ verschmelzen ließ.
Michael Semff