Leider mochte ich diesen Ausdruck nie … Er klingt immer so, als wären die Kolleginnen und Kollegen gerade von einem Schwarm Vampire leergesoffen worden …
Apropos: In jüngeren Jahren und auch noch in denen, die er selbst dazu zählte, war ein gutes Glas … Fläschchen edlen Rebensaftes nach der Vorstellung eine gute Wegbegleitung, um zurück zu sich und später den Weg nach Hause zu finden. Erfüllt von eben Jenigem und dem Gefühl, das Abendwerk zur eigenen Zufriedenheit und zu der des Publikums geschafft zu haben. Nie unkritisch, aber auch nie vom Selbstzweifel bedroht. Er hatte die Kraft, die Energie, den Willen und schlicht das breit angelegte Können, diesen ekligen Spielverderber in die Schranken zu weisen. Verschmitzte Listigkeit und umschmeichelnder Charme, von Klugheit und Wärme getränkt, ließen ihm den Zuspruch und die Liebe des Auditoriums zufliegen …
Die treuherzige Verlogenheit des Richters Adam, der sich immer mehr in der Spirale der ihn belastenden Aussagen verfledderte, dabei einerseits rotzfrech alle Vorhaltungen zu entschärfen versuchte, andererseits die aufkommende Panik, enttarnt zu werden und völlig den lustvoll besetzten heimischen Boden unter den Füßen zu verlieren, unter Kontrolle zu halten suchte – ich durfte als Gerichtsrat Walter Abend für Abend dabei zuschauen und genießen, wie Kleist'sche Sprachgenialität und Hamel'sche Körper- und Geistesharmonie zueinander fanden, und das mit einer stupenden Leichtigkeit, die einen nur staunen lassen konnte. Gott, hat das Spaß gemacht!
Als der Spieler des Wladimir (Didi) in Becketts „Warten auf Godot“ auf einer der ersten Proben am Hosenreißverschluss seiner blauen Adidastrainingshose nestelte und den Nippel rauf- und runterzog, weil ihm seine Prostata laut Autor wieder Verdruss machte und er darob nervös zu werden hatte, sodass ein leicht nervendes Ritsch-Ratsch-Geräusch entstand, blickte der Spieler des Estragon mit nicht lesbarem Gesichtsausdruck nach unten in das Dunkel des Zuschauerraumes in Richtung der Regie und fragte mit sanftem, aber dennoch bestimmtem Timbre in der Stimme: „Meint er das ernst?“
Die Antwort lautete: „Ja, und das soll er auch!“
Die Reaktion war ein nicht zu definierendes gutturales Brummeln in Bassfrequenz, das einige Minuten anhielt … quasi ein parallel zur Probensituation verlaufender innerer Dialog mit sich selbst, um mit dieser … unkommoden Situation ins ausgleichende Benehmen zu kommen … Allein das war die vielen Wochen der Proben, die von da an in wunderbarster Harmonie und zuspielender Freude aneinander verliefen, unbedingt wert. Natürlich verbietet es sich, die Namen der beteiligten Protagonisten an dieser Stelle preiszugeben.
Nur so viel sei gesagt: Spätestens seit dieser gemeinsamen Arbeit kündigte sich eine vorsichtige, zutiefst gönnende und respektierende Freundschaft zwischen Estragon und Didi an.
Doch zurück zu Lamberts weiterer, tief verwurzelter Leidenschaft: der Hingabe an die bildende Kunst. Nicht als schaffender Künstler, sondern als enthusiastischer Rezipient, der bereit war, Struktur, Farbgebung, Plastizität und inhaltlichen Ausdruck eines Kunstwerkes tief in sich aufzusaugen und das Glücksgefühl, das ihn angesichts der Betrachtung insbesondere der ihn berührenden Malerei ergriff, zu genießen und wertzuschätzen.
Das Format dieses Jahresheftes kann es unmöglich gewähren, dieses Füllhorn an Anekdoten und erzählenswerten Geschichten über Lambert Hamel in angemessener Weise auszubreiten.
Er liebte das Theater und also das Leben und also das Theater und hat, wie er selbst im Angesicht des ums Haus schleichenden Freund Hein einmal sagte, „nichts ausgelassen“ … Die Ambivalenzen eines Verführers und Verführten, eines Aufregers und Beruhigers, eines Könners und eines Scheiternden – er hat dies durchlebt, durchliebt und durchlitten … Selbst im Angesicht des bevorstehenden Gehenmüssens, blieb er unerschütterlich zuversichtlich, bewundernswert klar und würdevoll, erst recht nicht hadernd.
Seine letzte Sorge galt seiner Familie.
Er liebte seine Familie – seine Familie im wirklichen Leben – und er konnte loslassen, weil er alles zur rechten Zeit „geregelt“ hatte.
Wir verneigen uns vor dem großartigen Schauspieler und Menschen Lambert Hamel, den loszulassen uns noch viel Kraft kosten wird.
Unter Tränen zu lächeln – hätte ihm das gefallen …?
Rainer Bock