Gefragt, welche Bedeutung sein Studium an der Nürnberger Kunstakademie für sein späteres Werk gehabt habe, antwortete Werner Knaupp in einem Gespräch mit Rolf-Gunter Dienst von 1970: »Die meiste Zeit studierte ich bei einem Wandmaler, habe aber nie ein Wandbild gemalt. Wenn ich das […] rückblickend betrachte, so ist die Monumentalität, die ich damals abgelehnt habe, doch stark zum Durchbruch gekommen.« Gemeint war der vor allem durch seine großformatigen Fresken und Mosaiken bekannt gewordene Michael Schmitt (1904-1992) bei dem Werner Knaupp von 1957 bis 1964 in Nürnberg studiert hatte. Auch die Nürnberger Lehrer Fritz Griebel (1899-1976) und Gerhard Wendland (1910-1986) hinterließen – auf unterschiedlichen Wegen – Spuren in seinem eigenen Werk. Von 1986 bis 2001 war Knaupp selbst ein beliebter und geschätzter Professor an dieser Akademie. Die »Monumentalität«, auf die Knaupp in diesem frühen Interview anspielte, findet sich tatsächlich in all seinen Werkphasen, auch dann, wenn er das kleine Format bevorzugte. Und nicht zuletzt in seinen überlebensgroßen Eisenplastiken, die seit Mitte der 1980er Jahre entstanden.
Nach dem Studium wandte sich der Künstler, der 1936 in Nürnberg geboren wurde, einem Genre zu, das in der bildenden Kunst der 1960er Jahre weitgehend in den Hintergrund getreten war: der Landschaftsmalerei. Seine künstlerischen Handwerkszeuge waren zunächst Feder und Tusche und dann für viele Jahre der Kugelschreiber. Verschiedene Reisen führten ihn auf seiner Suche nach Grenzerfahrungen in weitgehend unberührte, noch nicht manipulierte, menschenleere und menschenlose Landschaften. In Island faszinierte ihn die zwischen Wasser und Feuer entfesselte Natur, auf den norwegischen Lofoteninseln, nördlich des Polarkreises gelegen, und in Lappland beobachtete er eigentümliche Wolkenbildungen und Meeresstürme, auf Hawaii erwanderte er die Vulkane und in Sizilien den Ätna. Mit einem Abstand von fast 40 Jahren bekundete er in einem Gespräch mit Thomas Elsen (25.1.2022): »Ich habe einen Riesenrespekt vor dem Meer, vor seiner Urgewalt, der Härte seiner Oberfläche und der Unergründlichkeit seiner Tiefe. In Island habe ich das direkter und unmittelbarer als irgendwo sonst auf der Welt erfahren.«
In der Leere der Sahara erfuhr er ein existentialistisches auf sich selbst Zurückgeworfensein. »Auf der Suche nach Gott landete ich in der Wüste. Um darin nicht umzukommen, fing ich an zu zeichnen« (Werner Knaupp). Das Wüstenerlebnis bewirkte, dass er – um zu sich selbst zu finden – sich »bescheiden und reduzieren musste«. Erlebnisse auf den Lofoten mit den senkrecht abfallenden Felswänden – ausgehend von Horizontalen und Rundformen – führten zu den Vertikalen. »Spitzwinklige und senkrechte Rhythmen entstanden.« Diese Naturerfahrungen verarbeitend, entwickelte er vor Ort und in seiner Werkstatt in Ernhofen bei Nürnberg mit Tusche und Feder und Gouachefarben und dann fast ausschließlich mit dem Kugelschreiber »Bilderzeichnungen« – ein breites Spektrum von Landschaftsbildern, die für ein Dezennium zu seinem bis heute wiedererkennbaren »Markenzeichen« wurden. Schlingen und Schlaufen durchdringen und verdichten sich zu »mooshaften« Strukturen und bleiben doch immer realistische – keineswegs naturalistische – Bilder. Horizontale und rhythmisch sich abwechselnde Horizonte erschaffen den Eindruck von großer Weite, in der sich Himmel und Erde berühren. Nicht zuletzt aufgrund dieser Arbeiten wurde Werner Knaupp 1977 zu der von Manfred Schneckenburger kuratierten »documenta 6« nach Kassel eingeladen.
Freunde und Kollegen und nicht zuletzt die in großer Zahl vorhandenen Sammler warnten Werner Knaupp davor, sein »Markenzeichen« aufzugeben. Doch nach einer tiefen persönlichen und künstlerischen Krise am Ende der 1970er Jahre, über deren Gründe Werner Knaupp in einem Gespräch mit Horst Schwebel (»Nicht ausweichen«, in: »Kunst und Kirche«, 1980) keine Auskunft geben wollte, brach er zu neuen Ufern auf. »Als ich den Kugelschreiber weglegte und mit Farbstift, Buntstift, Kohle etc. gezeichnet habe, ging’s mir gleich besser. Das Material kam mir jetzt sehr sinnlich vor. Plötzlich eine ganze Linie zu zeichnen, das war für mich wie eine Offenbarung, wie eine Befreiung. Das Meditative trat ganz zurück zugunsten einer expressiven Sprache. […] Auf der Suche nach meinem inneren Horizont bin ich selbst für mich zum Mittelpunkt geworden. Das heißt: Auf meine Ohnmacht, meine Unzulänglichkeit, meine Einsamkeit reagiere ich jetzt mit meinen Bildern. Je elementarer die Bildzeichen werden und je mehr ich zu den Wurzeln meines Selbst komme, umso deutlicher wird die Aussage und umso entschiedener die Reaktion von außen.«
Die Ikonographie des Sterbens, der Vergänglichkeit, des Todes und der Gottsuche rückten nun ins Zentrum seines künstlerischen Schaffens. Auch in seinem äußeren Leben konfrontierte er sich mit dem Tod, dem Sterben und Vergehen und der geistigen Zerrüttung auf eine ganz eigene, radikale Weise: Er arbeitete jeweils mehrere Monate als Hilfspfleger im Nervenkrankenhaus Bayreuth (1977 bis 1978), im Sterbehaus der Mutter Teresa in Kalkutta in Indien (1979) und im Krematorium der Stadt Nürnberg (1980). Was er suchte, war nicht ein wohlfeiler Voyeurismus, sondern eine unmittelbare Konfrontation mit menschlichen Grenzsituationen. Diese Lebensstationen fanden ihren künstlerischen Widerhall in mannigfaltigen Zeichnungen und Bildern von Köpfen, Körpern und versengten Lebensspuren und schließlich den Eisenplastiken. Die Kunstwelt ignorierte diesen Wandel, der kein Bruch war, sondern einer inneren Logik folgte, nicht, sondern würdigte ihn mit großen Ausstellungen in der Berliner Nationalgalerie, der Kunsthalle Bremen, der Overbeck-Gesellschaft in Lübeck und dem Germanischen Nationalmuseum.
In seinem Spätwerk entdeckte Werner Knaupp die künstlerische Fotografie für sich, mit deren Hilfe er die Kraft, Schönheit und Struktur der Welt der Pflanzen und Blumen in Bilder verwandelte.
Wer je die Gelegenheit hatte, mit Werner Knaupp in seinem Haus in Ernhofen über seine Bilder und Plastiken zu reden, erlebte einen wortgewandten Künstler und eine unvergessliche Bereicherung des eigenen Seh- und Wahrnehmungsvermögens.
Zeitlebens verbunden blieb Werner Knaupp der Stadt Stein in Mittelfranken, wo er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Die monumentale orangefarbene Eisenplastik »Große Hülle« von 2017 im Stadtpark und ein großes Bild aus der Serie der »Westermännerinseln« im Rathaus zeugen von dieser Verbundenheit. 2019 ehrte ihn die Stadt für sein jahrzehntelanges, auch kulturpolitisches Wirken mit ihrem Kulturpreis.
Daniel Hess, der Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums, schrieb in einem Nachruf: »Wir sind dankbar, dass wir bedeutende Werke dieses herausfordernden künstlerischen Grenzgängers in unserer Sammlung haben.« In gleichem Maße gilt dies auch für andere Museen und Sammlungen im In- und Ausland, darunter der Neuen Nationalgalerie Berlin, der Pinakothek der Moderne in München und dem Museum of Modern Art in New York.
Am 9. September 2025 ist Werner Knaupp, der seit 2004 der Bayerischen Akademie der Schönen Künste angehörte, im Alter von 89 Jahren verstorben. Die Mitglieder der Akademie werden diesen immer künstlerisch wachen, radikalen und inspirierenden Künstler in lebendiger Erinnerung behalten.
Andreas Kühne