Einmal für immer

Kleine Hommage zu Friedhelm Kemps 90. Geburtstag

In den ersten Vorfrühlingstagen dieses Jahres kam es im Münchner Lyrik-Kabinett zu einem Abend, der für den eventförmigen Teil des kulturellen Lebens wahrscheinlich von marginaler Bedeutung war, für all diejenigen aber, die ihm beiwohnen konnten, ein unvergleichlicher Augenblick gelebter Literatur. Der Dichter Yves Bonnefoy war aus Paris gekommen, um mit seinem lebenslangen Übersetzer Friedhelm Kemp aus zwei Büchern zu lesen, die eben erst zu Bonnefoys achtzigstem Geburtstag auf deutsch erschienen waren: Beschriebener Stein, seine frühesten Gedichtzyklen aus den fünfziger Jahren, und Die gebogenen Planken, sein bislang letzter Band von 2001. Ein fasziniertes, ja, wagen wir den so unzeitgemäßen Ausdruck: ein ergriffenes Publikum spürte, daß hier noch einmal etwas verkörpert war, was wie aus einer anderen Epoche herüberzukommen schien: die große Poesie. Über nahezu zwei Stunden lasen diese beiden weißgewordenen Männer im Wechsel französisch und deutsch, sprachen mit- und übereinander, und drückten in der Ernsthaftigkeit und Konzentration ihres Tuns eine solche Vertrautheit aus, daß wohl keiner, der ihn erlebte, diesen Abend vergessen wird.

Heute nun feiert Friedhelm Kemp selber Geburtstag, doch auch wenn man bei einem Neunzigjährigen mit Fug und Recht von biblischem Alter sprechen kann, trifft der Festtag einen Mann, dessen Arbeitsleistung sich kaum ein Student zum Vorbild nehmen möchte. Greift man nur nach dem Wichtigsten unter all dem, was der 1914 Geborene allein schon in diesem neuen Jahrtausend geschaffen hat, so finden sich, neben den beiden starken Bänden Bonnefoys, die Trivia von Logan Pearsell Smith im vergangenen Jahr und, als einer der Höhepunkte in Kemps übersetzerischem Werk, 2002 das Ostinato von Louis-René des Forêts. Wenn in seiner Bibliographie für 2001 keine Übersetzung dieses Ranges steht, dann aber nicht etwa, weil Kemp sich eine verdiente Pause gegönnt hätte; vielmehr war es die Zeit der Vorbereitung für sein magnum opus als Autor, die monumentale zweibändige Monographie Das europäische Sonett, die er 2002 vorlegte. Und last but not least erscheint zum Festtag mit Einmal für immer nun auch erstmals ein Band gesammelter Gedichte des Jubilars. Der Gedanke an das Alter wird einem Neunzigjährigen zuweilen kommen – der an den Ruhestand ist diesem hier im striktesten Sinne unbekannt.

Friedhelm Kemp wurde am 11.Dezember 1914 in Köln geboren, in einem bürgerlichen, liberalen und gebildeten Milieu, wo Bücherschrank, Theater, Ausstellungen und Konzerte mehr zählten als die Tagespolitik. 1934 ging er nach München, um bei Karl Voßler Romanistik zu studieren; 1938 wurde er dort mit der Arbeit Baudelaire und das Christentum promoviert – nicht mehr von Voßler, der von den Nazis „sanft, doch nachdrücklich von seinem Posten entfernt“ worden war. Die Dissertation erschien dann in den von Werner Krauss herausgegebenen Beiträgen zu romanischen Philologie; Krauss selber wurde wegen seiner Kontakte zur Roten Kapelle 1943 verhaftet und zum Tode verurteilt, überlebte jedoch; das sei hier nur gesagt, um anzudeuten, in welcher Atmosphäre des latenten Widerspruchs zum Regime Kemps akademische Jahre verliefen. Seinen Wehrdienst leistete er bei der Besatzungsarmee in Frankreich, und hier kam er zum ersten Mal in Berührung mit der modernen, in Deutschland natürlich vollkommen unbekannten Lyrik, eine Begegnung, die Früchte tragen sollte.

Tatsächlich wurde Friedhelm Kemp dann zu einem der wichtigsten Vertreter jener Generation, die nach dem Kriege all das zu entdecken, aufzuholen, wiederherzustellen hatte, was durch die Jahre der Diktatur unterdrückt, zerstört oder aus Deutschland ausgesperrt worden war. In dieser Hinsicht kann man sogar wagen, von einer glücklichen Generation zu sprechen: Die Aufgabe war ungeheuer, die wartende Literatur überreich, die Herausforderungen für einen Übersetzer und Kommentator mehr als verlockend. Kemp hat diese Herausforderung sofort mit aller Kraft angenommen: Für 1945 verzeichnet seine Übersetzungs-Bibliographie mit Julien Greens „Der verzauberte Gast“ noch einen einzigen Titel; ein Jahr darauf 22, 1947 sind es deren 32. Die Namen sagen alles: Aragon, Baudelaire, Emmanuel, Claudel, Paulhan, Scève, Michaux, Peguy, die Liste ließe sich fortsetzen bis zum heutigen Tage. Kemps Arbeiten vor allem als Übersetzer, Herausgeber und Verlagslektor, aber auch als Kritiker, Essayist und spätberufener Professor an der Münchner Universität selbst nur zu skizzieren ist unmöglich: Werkausgaben von Baudelaire, Saint-John Perse, Jouhandeau und auf der deutschen Seite von Brentano, Rahel Varnhagen, Else Lasker-Schüler, Konrad Weiß, Peter Gan gehören dazu, die Reihe französischer Gegenwartsautoren contemporains, auch Ausflüge in andere romanische Sprachen, ins Englische, und nicht zuletzt die beiden grandiosen vierbändigen Anthologien zur französischen und englischen Poesie. Und neben und über allem die Beschäftigung mit dem Werk Goethes, als Herausgeber, Kommentator und Leser.

Stellvertretend seien hier nur jene drei lebenden französischen Dichter genannt, die Kemp früh entdeckt und in Übersetzungen und Essays dem deutschen Publikum nahegebracht hat. Philippe Jaccottet und Yves Bonnefoy zählen heute zu den bedeutendsten Lyrikern unserer Zeit, und die Zahl ihrer von Kemp übersetzten Bücher entspricht diesem Rang. Immer noch zu entdecken bleibt der so ganz anders geartete Großstandwanderer und -poet, der Jazzkritiker, Essayist und langjährige Herausgeber der Nouvelle Revue Française Jacques Réda. Alle drei geben aber ein Bild von der Spannweite, die Friedhelm Kemps Schaffen allein in der Gegenwart umfaßt, eine Spannweite die noch größer wird, stellt man die dichten, zuweilen verrätselten Prosabücher von Louis-René des Forêts und die poetischen Zyklen des schmählich vergessenen Nobelpreisträgers Saint-John Perse daneben. Vielleicht ist es dieser, in seinem üppigen Bilderreichtum, seiner Metaphorik und seinem mäandernden, suchenden, sich entfernenden und wieder näherkommenden Stil, der Kemps eigenem sprachlichem Temperament am tiefsten verwandt ist. Die Fragebögen und Annotationen aus dem Briefwechsel der beiden, vor einigen Jahren in Paris publiziert, geben ein fesselndes Bild vom so engen schöpferischen Dialog zwischen Übersetzer und Dichter.

Und hier sei das gar nicht Selbstverständliche gesagt: daß nämlich der Übersetzer und Vermittler Kemp auch zum persönlichen Freund der meisten „seiner“ Autoren geworden ist. Zu sehen ist dies bei gemeinsamen Lesungen; zu hören bei Kemps Erzählungen von vergangenen Begegnungen, wie etwa vom formvollendeten Diner im Schlafzimmer des Ehepaars Pierre Jean Jouve und zu Füßen eines höchst erotischen Gemäldes von Balthus. Um Kemps empirische Person ranken sich Anekdoten und Legenden sonder Zahl, doch alle scheinen sie in eine archetypische Situation zu münden: Ein Tisch, um den herum zu spätester Stunde erschöpfte Literaten den lang schon verlorenen Kampf gegen den Schlaf kämpfen, während Kemp, als Senior der Runde, mit einem: „Sie meinen doch auch, daß Borchardts Dante-Übersetzung …“, oder: „Natürlich kennen Sie Catherine Pozzi …“ dazu ermuntert, noch eine Stunde mit ihm zu wachen. Wahr an alledem ist, daß noch keiner aus einem Gespräch mit ihm anders schied als reich beschenkt, sei es in Bibliothek, Arbeitszimmer oder an der gastfreundlichen Tafel von Cornelia Kemp, hoch über der Münchner Paradiesstraße.

„Kemp kennt alles!“ lautete der verzweifelte Stoßseufzer eines Mannes, der immerhin selbst Ordinarius an einer bedeutenden Universität gewesen ist. Nein, auch Kemp kennt nicht alles, und wichtiger noch: er mag auch nicht alles, denn einer wie er ist alles andere als ein wandelndes Lexikon. Gerade dieser Polyhistor hat höchst dezidierte Vorlieben und Abneigungen, und daß er mit seinen Voraussetzungen bei bestimmten Traditionen der Moderne auf unüberwindliche Grenzen stößt, ist nur natürlich. Denn Kemp ist weder als Übersetzer noch als Lektor einer, der einfach das tat, was man ihm antrug oder was der Markt zu verlangen schien. Ganz im Gegenteil: So stark hat er seine eigenen Vorstellungen, Ideen, seine Poetologie, seine nie nachlassende Neugier und Begeisterung in seine Arbeit hineingetragen, daß das Bild der französischen Gegenwartsliteratur ohne ihn anders aussehen würde. Und damit das Bild der Literatur überhaupt, denn Kemp ist der Inbegriff jenes homme de lettres, der Grenzen der Spezialisierung souverän mißachtet.

Ist am Ende der Wechsel zum persönlichen Ich gestattet? Seit ich als Gymnasiast zum ersten Mal den Namen Friedhelm Kemp in einem Buch las - es war Jean Cocteaus Kinder der Nacht in einem rostroten Bändchen der Bibliothek Suhrkamp - sind viele Jahre vergangen und ungezählte von ihm übersetzte Bücher dazugekommen. Es war auf der Buchmesse 1991, daß er zu einem Menschen aus Fleisch und Blut wurde, und ich erinnere mich noch gut an mein ungläubiges Staunen, daß ausgerechnet auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten einer bequem und im angeregtesten Gespräch sitzen konnte, dessen Name längst Synonym für die französische Literatur schlechthin geworden war und den ich mir nie als empirisches Wesen vorgestellt hätte. Vielleicht war dieses Gefühl so falsch nicht, denn in einer Zeit, da Lektoren hauptsächlich über Marktstrategien und Übersetzer über Urheberrechte zu diskutieren pflegen, erscheint Kemp wie ein Irrläufer aus anderen Zeiten. Aber noch einmal ganz im Gegenteil: Will der altmodische Irrläufer „Literatur“ zwischen Unterhaltung, Mode und Gerede tout court überleben, dann nur, wenn eine altmodische Gestalt wie Friedhelm Kemp wieder zum Vorbild wird. Übersetzer und Lektor, Kritiker, Wissenschaftler und Autor, für Kemp sind alle diese Tätigkeiten, die heute wohl strikter auseinanderlaufen als je zuvor, im Grunde nur verschiedene Ausprägungen ein- und desselben. „Spaziergänge eines Lesers und Übersetzers“ wählte er mit typischem Understatement als Untertitel eines Essaybandes, der von Senancour bis Joseph Joubert, von Prokop von Templin bis Ludwig Greve führt. „Wenige haben diesem Dichter Liebe und Aufmerksamkeit zugewandt“, so beginnt sein Aufsatz zu Konrad Weiß' lyrischem Werk. Mit Liebe und Aufmerksamkeit, anders hat dieser literarische Spaziergänger, nein: Langstreckenläufer sich wohl keinem der Dichter und Bücher seines Lebens je genähert. Und geht zu diesem 90.Geburtstag der Blick über die weiten literarischen Landschaften, die Friedhelm Kemp immer weiter durchwandert, so möchte ich für Bewunderung und Dank keine anderen Worte wählen.

Wolfgang Matz
Ungekürzter Text
aus der Süddeutschen Zeitung
vom 11.12.2004